Aufführung

„Das goldene Vließ“
im Burgtheater
Premiere 23. Jänner 2004

Der Mythos von Medea und Jason ist eine der gewalttätigsten Liebesgeschichten des Welttheaters. Jason, der Grieche, kommt mit den Argonauten in Medeas Heimat Kolchis, um das sagenhafte goldene Widderfell wiederzuerlangen, für das Medeas Vater Aietes den Griechen Phryxus ermordet hat. Aus Liebe zu Jason hilft Medea ihm, das goldene Vließ wieder nach Griechenland zu bringen, und nimmt dabei den Tod ihres Bruders und ihres Vaters in Kauf. In Jasons Heimat Jolkos fordert dieser von seinem Onkel Pelias den Thron. Als Pelias unter rätselhaften Umständen stirbt, wird Jason mit seiner „barbarischen“ Gattin, die man für den Tod des Herrschers verantwortlich macht, des Landes verwiesen. In Korinth, wo das doppelt heimatlose Paar um Asyl ansucht, zeigt sich König Kreon geneigt, Jason und dessen zwei Söhne aufzunehmen und ihm seine Tochter Kreusa zur Frau zu geben. Medea aber soll das Land baldmöglichst verlassen.

An diesem Punkt setzen fast alle Medea-Dramen der Weltliteratur ein. Ob Medea in ihnen als abschreckendes Beispiel der rachsüchtigen, unbeherrschten „Wilden“ oder als gedemütigte Mutter erscheint, immer liegt das Hauptaugenmerk auf dem unauslöschlich mit ihrem Namen verbundenen Mord an ihren Kindern. In seiner Trilogie „Das goldene Vließ“ hat Franz Grillparzer den Bogen weiter zu spannen versucht.
„Das, worauf es bei dem goldenen Vließ ankömmt, ist wohl dieses: Kann das Vließ selbst als ein sinnliches Zeichen des Wünschenswerten, des mit Begierde Gesuchten, mit Unrecht Erworbenen gelten?“
Begehren, Besitz und Unrecht verbinden sich bei ihm auf den Ebenen der Politik, der Geschichte, des Körpers, der Liebe zu einem unauflösbaren Zusammenhang.

„Was ist die Signatur von Grillparzers Leben? – sich selber nicht besitzen“, notiert Hugo von Hofmannsthal in den Entwürfen zu einem Grillparzer-Vortrag. „Das goldene Vließ“ ist die Tragödie der Enteignungen, der Heimatlosigkeit, der Kolonisation des Selbst, es ist „die Geschichte einer Seele im Kampf um ihr eigenes Bestehen“ (Heinz Politzer) unter den Bedingungen der Auflösung alles Sozialen.

Aietes, König von Kolchis Michael König
Medea, seine Tochter Birgit Minichmayr
Gora, Medeens Amme Mareike Sedl
Peritta Dorothea Trappel
Phryxus, Grieche Daniel Jesch
Kolcher / Bote Paul Wolff-Plottegg
Absyrtus Denis Petkovic
Jason, Führer der Argonauten Michael Maertens
Milo, sein Freund Urs Hefti
Kreon, König von Korinth Johannes Terne
Kreusa, seine Tochter Sabine Haupt


Regie Stephan Kimmig
Bühne Katja Haß
Kostüme Heide Kastler
Musik Wolfgang Siuda
Licht Friedrich Rom
Choreographie Daniela Mühlbauer
Dramaturgie Sebastian Huber

(Quelle: Burgtheater-Web-Site)



Aufführung

„Des Meeres und der Liebe Wellen“ im Volkstheater Wien

Eine Produktion des Volkstheaters Wien, Theater in den Bezirken, Premiere 3. März 2004

Eine junge Frau, Hero, um der traditionellen Frauenrolle als Ehefrau und Mutter „an Gattenhand“ zu entgehen, wird Priesterin im Tempel der Aphrodite auf der Insel Sestos; geht also, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, um frei zu sein, ins Kloster, und die Verpflichtung zur Ehelosigkeit erscheint ihr mehr als Privileg, denn als Entsagung. Auch fällt ihr weder die verdrehte Logik auf, die die Priesterin der Liebesgöttin mit Liebesverbot belegt, noch, dass alle Macht im Priesterstaat in den Händen ihres Onkels, des Oberpriesters, liegt, der die restriktiven Regeln der Sestos-Sekte unerbittlich exekutiert: Heros Freiheit und Selbstbestimmung sind strikt begrenzt.

Materialien, Pressestimmen

Die Weihe zur Priesterin, mit der Heros Entscheidung für immer unumstößlich wird, wird als Fest, an der auch das Volk und Besucher vom Festland teilnehmen dürfen, als Machtdemonstration der Priesterschaft gefeiert. Unter den Besuchern nun Leander, der, den Tod seiner Mutter betrauernd, wenig Lust auf Festlichkeiten hat und nur widerwillig mit einem Freund, Naukleros, der ihn unbedingt aus seiner Melancholie reißen will, mitgekommen ist. Die Begegnung von Hero und Leander im Augenblick ihrer Weihe zur Priesterin, diese Liebe auf den ersten Blick, das Verlangen leidenschaftlichen Begehrens also, das beide im Tempel der Aphrodite unvermittelt überfällt, beendet nicht nur Leanders melancholische Lethargie, sondern auch Heros so vernünftigen Lebensplan; und ihr Entschluss zu Freiheit und Selbstbestimmung definiert sein Ziel vollends neu, als Leander, nach dem Fest vom Oberpriester der Insel verwiesen, in der Nacht vom Festland zur Insel schwimmt und in Heros Turm eindringt: im Bewusstsein von Verbot und Todesdrohung zögert sie kaum, sich auf die Gewissheit dieser Liebe in aller Unbedingtheit einzulassen.

Jung und gemäß ihrem aufrechten Wesen hat sie jedoch, um ihre Liebe zu schützen, den Ränken ihres Onkels, des Oberpriesters, wenig entgegenzusetzen; zumal dieser sein Werk der Vernichtung im Namen einer vermeintlich höheren Moral zur Rettung Heros betreibt: sobald er die von der Liebesnacht trunken-müde Hero verdächtigt, in der Nacht unmittelbar nach ihrem Zölibats-Gelübde einen Mann in ihren Turm eingelassen zu haben, beschäftigt er sie mit Aufträgen, um sie vollends zu ermüden; und als sie erschöpft einschläft, statt wachend auf ihr nächtliches Stelldichein mit Leander zu warten, löscht er die Lampe, die dem Schwimmer den Weg durch die Klippen weisen soll …

Franz Grillparzer (1791–1872), der in seinen Stücken dem Obsessiven, oft dunkler, selbstzerstörerischer Leidenschaftlichkeit nachspürt, beschreibt die Liebe von Hero und Leander in „Des Meeres und der Liebe Wellen“ (1831 uraufgeführt) als jung-strahlende, in ihrer Unbedingtheit gänzlich unschuldige Leidenschaft, das Erwachen von Sinnlichkeit und Sexualität als ursprünglich-hinreißende Lebendigkeit; düster und tödlich in diesem Stück ist die starre Macht-Ordnung der Sestos-Sekte, die im Namen der Liebesgöttin Aphrodite Liebe und Sinnlichkeit ausschließt, menschliche, gar weibliche Selbstbestimmung strikt reglementiert und zur Selbsterhaltung eine Moral bereithält, die jede Vernichtung legitimiert. So gesehen hat das Stück kaum an Aktualität eingebüßt: nach wie vor sind wir mit restriktiver Moral und Macht-Anmaßung konfrontiert, die mit Bösartigkeit und Vernichtungs-Gräuel zum Zwecke der eigenen moralisch höheren, also guten Sache keinerlei Probleme hat; und nicht nur konservativen Selbstbeschränkungs-Ideologien, sondern auch der sogenannten Spaßgesellschaft, deren Freizügigkeitsgetue ausschließlich an Oberflächenreizen entlangkreischt, ist eine so unbedingte Leidenschaft wie die Heros und Leanders ein Ärgernis.

Hero Jaschka Lämmert
Oberpriester Alfred Rupprecht
Leander Rafael Schuchter
Naukleros Simon Hatzl
Janthe Ursula Strauss
Hüter des Tempels Roger Murbach
Heros Vater Wolfgang Klivana
Heros Mutter Linde Prelog

Inszenierung Wolfgang Palka
Bühne Martina Tscherni
Kostüme Mimi Zuzanek

Jaschka Lämmert, Ursula Strauss

Jaschka Lämmert, Rafael Schuchter

Simon Hatzl, Rafael Schuchter

Simon Hatzl, Jaschka Lämmert, Rafael Schuchter

Kulturamt und Stadttheater Baden
Klassikerforum Baden 2003
25. bis 30 März 2003
Thema: Franz Grillparzer

Aufführung

„Der Traum ein Leben“
im Theater in der Josefstadt

Premiere 16. Oktober 2003

Eine biedermeierlich-beruhigte Welt bildet die fragwürdige Idylle, aus der Rustan ausbricht – zumindest in seinen Träumen. Die Handlung spielt sich größtenteils in einer Traumwelt ab: exotisch, aufregend und voller Abenteuer. Doch der psychedelische Trip des unsicheren, eigentlich depressiven Rustan mündet in eine tyrannische Herrschaft, die auf Lüge, Mord und Selbstüberschätzung aufgebaut ist. Als Rustans Machtphantasien kläglich scheitern, kehrt der Geläuterte dankbar in die zwar langweiligere, aber weitaus friedlichere Realität zurück.

1834 im Wiener Hofburgtheater uraufgeführt, gilt das Stück als epochales Drama, das die Seelenlage des modernen Individuums scharfsinnig diagnostiziert. Häufig wurde es mit Freuds Traumdeutung in Verbindung gebracht. Märchenmotive und Elemente aus dem Wiener Volkstheater verbinden sich hier mit barocken Traditionen, so ist etwa Calderóns Stück „Das Leben ein Traum“ (1636) mehr als nur titelgebend eingeflossen.

Massud, ein reicher Landmann/
Der König von Samarkand Wolfgang Hübsch
Mirza, Massuds Tochter/Gülnare, Tochter des Königs Gertrud Drassl
Rustan, Massuds Neffe Peter Scholz
Zanga, Negersklave Michael Dangl
Derwisch/Der Mann vom Felsen/
Der alte Kaleb/Ein altes Weib Ronald Kuste
Karkhan Alexander Strömer
Krieger, Derwische Markus Hamele, Gregor Hellinger, Jürgen Knoth, Markus Kofler, Patrick Strasser, Sigo Johannes Wilde, Manfred Paßrugger
Knaben Christian Tomsits, Philipp Tomsits/Mateo Klanjsek-Bratke, Paul Ortner
Regie Christian Pade
Bühnenbild und Kostüme Alexander Lintl
Musik Vlado Dzihan
Choreographie Alonso Barros

Pressestimmen

Der Standard, 18. Oktober 2003
Indien-Wochen im Grillparzer-Land
Von diffusem Formwillen angeleitet, lädt Christian Pades Grillparzer-Inszenierung von „Der Traum ein Leben“ im Wiener Josefstadt-Theater doch nur zum vorsorglichen Ermüden ein: ein konturloser Traum, vom Publikum eher pflichtschuldig akklamiert.
Im seligsten Plüschtheater Wiens macht jetzt im zweiten Monat einer immer noch grimmig amüsierwilligen Direktion die Kostümmacher-Schere ihr verheerendes Schnipp-Schnapp. Ein Stück wie Grillparzers seelenauslotendes Der Traum ein Leben wird im Josefstadt-Theater als Aufklappbilderbuch erzählt. Pappkartonwürmer von der Bedrohlichkeit einer illustrierten Schöpfungsgeschichte züngeln aus dem Schnürboden nieder. Kalifats-Kokotten (Gertrud Drassl), mit Katzengold behängt, vor Talmi, Glanz und Flitter spiegelnd, schreiten hochhackig über einen abgeschrägten Traumspielplatz, als wären sie zur zirka vorvorletzten Schah-Hochzeit geladen.
Überhaupt wird Rustans Land der lediglich erträumten Möglichkeiten ein gutes Stück weit nach Osten gerückt. Wo Grillparzer 1834 den vor Unrast schier überlaufenden Bauern Rustan (Peter Scholz) in eine katastrophische Traumkammer hineinjagt, damit er die Schlichen und Tücken fataler Kabinettspolitik sozusagen am eigenen Leib folgenlos studieren könne – da legen Regisseur Christian Pade und Ausstatter Alexander Lintl lediglich eine überfeinerte Vollbremsung hin. Traumland ist eine Spielzeugkammer unter Geschmacksdiktat. In diesem Samarkand der Ausstattungshändler wird mit taumelnder Entschlossenheit „Gute Nacht!“ gerufen.
Vor den Schlaf hätten die Grillparzer-Götter freilich den Deutungsehrgeiz gesetzt gehabt. Nichts von alledem in dieser handverlesenen Kunstgewerbeübung. Denn erst findet sich Rustan als grämlicher Vetter des Prinzen von Homburg auf kahler Bühne wieder: Ein wirbelnder Sufi mit zylindrischem Hut (Ronald Kuste) wirbelt um die eigene Achse und verstreut gelbes Konfetti im Drehen.
Aus Staub zum Träumen ist hier alles lichterloh und zugleich vernunftschlafend gewoben. Dabei hält ein perfides Zeitzündungsgeräusch den paralysierten Horch-ins-Land Rustan inwendig am Köcheln. Der Getreue Zanga (Michael Dangl) soll als Schuhpastenneger den garstigen Wilden markieren. Soll Rustan zungenschleckend und kettenklirrend anstiften zu Ruhmessehnsucht und Beutebegier. Die leicht somnambul wirkende bäuerliche Verlobte (Drassl), der verschattet knarzende Oheim (Wolfgang Hübsch) schlagen den migränegeplagten Tausendsassa absehbar in die Flucht seiner Illusion. Kopfwehtheater von hohem Erkenntniswert wird als Vorruhephase lasch angebahnt. Es ist zum Eindösen.
Ab dann ginge es ums übergroße Ganze: Rustan nascht gefräßig von den verdorbenen Früchten seines eigenen, staatspolitischen Missmanagements, das ihn zum Mörder macht, zu diktatorischen Würden erhebt, ihm ein Weib beschert – und seine unwürdige Flucht erzwingt.
Im Traum kehren die hauseigenen Sittenwächter als staatspolitische Widersacher wieder. Es herrscht Krieg: Und alle intriganten Doppelgänger und äffenden Echos schöpfen gleicherweise aus der brodelnden Ursuppe einer zerrissenen, Ich-schwachen, von Metternichs Polizeistaat zum freiwilligen Verzicht angestifteten Seele. In Grillparzer spuken bereits die Hirne von Heiner Müller und Freud. Es ist ein grotesker Totentanz.
Im Josefstadt-Theater werden die Armgesten der Göttin Kali nachgestellt. Wird Wotans Speer wie ein Vater-Phallus staunend ausgestellt. Die formalen Ansätze nicht verkennend, möchte man sagen: Bei Adlmüller waren Indien-Wochen. Und für jede Robe gibt es eine Messerspitze Grillparzer gratis.
Ronald Pohl

APA, 17. Oktober 2003
Josefstadt: „Der Traum ein Leben“ – weder traumhaft noch lebendig
Hölzern statt sinnlich: Christian Pade inszenierte ein Grillparzer-Desaster
„Die Träume, sie erschaffen nicht die Wünsche, die vorhandnen wecken sie; Und was jetzt verscheucht der Morgen, lag als Keim in dir verborgen.“ Was der weise Massud in der Josefstadt-Premiere von „Der Traum ein Leben“ gestern, Donnerstagabend, als Schlusswort sprach, frappiert vor allem, wenn man die Entstehungszeit des Stückes bedenkt: 1831 – Jahrzehnte vor Sigmund Freud. Auf die Frage, was uns Grillparzers „dramatisches Märchen“ über die Machtfantasien des jungen Rustan heute sonst noch zu sagen hat, müsste ein Regisseur eine Antwort geben. Wien-Debütant Christian Pade ist sie auf allen Linien schuldig geblieben.
Die Aufführung findet in keiner Hinsicht zu einem überzeugenden Umgang mit dem Stück. In der Ausstattung (Alexander Lintl) regiert eine Mischung aus bunter Sperrholz-Ästhetik (Bühne) und bizarrer Karfunkel-Exotik (Kostüme). Michael Dangl muss als Bilderbuch-„Negersklave“ schwarz bemalt herumtollen (Ähnliches sah man bereits bei „Aline“), Gertrud Drassl hat als Mirza und als stets reich geschmückte Königstochter Gülnare eine Unzahl an Umzügen zu bewältigen – wie sonst nur Pop-Girlies bei ihren Show-Acts. DJ Vlado Dzihan liefert die flaue Hintergrund-Musik dazu. Insgesamt erinnert das immer wieder an Zeiten, als die Weltkultur-Fantasie eines Andre Heller erste Gehversuche in den Arenen machte. Tanzende Derwische, Schwerter schwingende Krieger – alles da.
Wie mit der vertrackten Sprache Grillparzers zu verfahren wäre, ohne in hohlen Deklamations-Ton zu verfallen, weiß an diesem Abend kaum jemand. Dass oft undeutlich und zu leise gesprochen wird, erhöht den Schwierigkeitsgrad für die Zuschauer, die mitunter nicht wissen, ob sie über gelungene parodistische Effekte lachen oder unfreiwillige Peinlichkeit beweinen sollen. Wenn etwa Wolfgang Hübsch als König von Samarkand seinen Verdacht mit einem tadelnd-zweifelnden „Rustan, Rustan!“ artikuliert oder der offenbar aus Karton und Sperrholz gebastelten Riesenschlange mit dem Speer der Garaus gemacht wird, dann wirkt das im Verzicht auf jede Lebendigkeit, jeden Zauber wie die Selbstaufgabe des Theaters.
Der Kern des Stückes, in dem Grillparzer das Abtauchen in das Unterbewusste, in den erschreckenden Dschungel aus einander überwuchernden geheimen Wünschen und Ängsten in archaischen Gegenentwürfen zur unaufregenden Lebenswirklichkeit des Protagonisten bebildert, führt in der Version von Pade und Lintl nicht in Goyas Schlaf der Vernunft, der Ungeheuer gebiert, sondern in einen Dämmerzustand, in dem das 21. Jahrhundert Pause macht und sich der Zuschauer verwundert die Augen reibt: Das ist hölzern statt sinnlich, lach- statt triebhaft.
Die Schauspieler sind auf verlorenem Posten. Peter Scholz als Rustan muss hier zwangsläufig an der harmlosen Oberfläche bleiben. Wenn er spürt, dass so manch anderes in ihm brodelt, wirkt er schuldbewusst wie ein Schuljunge. Vom immanenten Zwiespalt des modernen Menschen keine Spur. Gertrud Drassl ist an diesem Abend in jeder Hinsicht verloren, manchmal reicht ihre Stimme kaum über den Kragen eines ihrer Glitzer-Kostüme hinaus. Wolfgang Hübsch, Michael Dangl und Ronald Kuste erfüllen wacker ihre Pflicht und wirken wie grelle Figuren in einem Retro-Comic.
Ebenso erstaunlich wie der zweieinhalbstündige Theaterabend, der von einer unnötigen Pause unterbrochen wurde, waren die Reaktionen am Ende: Freundlicher Applaus, gelegentliche Hochrufe. Entweder ist das Josefstadt-Publikum noch vorbildlich solidarisch mit der neuen Direktion. Oder derlei Ausflüge in die Theatermottenkiste, in der die Gegenwart so ostentativ ausgesperrt bleibt, werden tatsächlich goutiert. Ein erschreckender Gedanke.
Wolfgang Huber-Lang

Kurier, 18. Oktober 2003
Bruchlandung im Biedermeier
Was haben uns die Werke eines Franz Grillparzer heute noch zu sagen? Nichts. So lautet zumindest die Antwort, wenn man im Theater in der Josefstadt „Der Traum ein Leben „ in der Inszenierung von Christian Pade gesehen hat. Denn dessen Umsetzung von Grillparzers zwischen Tag und Traum angesiedeltem „dramatischen Märchen“ verweigert sich jeder Positionierung.
Es könnte eine Reise in die Seele, in innere Abgründe, sexuelle Begierden und latente Gewaltfantasien sein, die Rustan in diesem Stück antritt, um letztlich – nach vielen Erlebnissen geläutert – das „kleine Glück“ schätzen zu lernen.
Bei Pade ist es das nicht. Es ist aber auch sonst nichts. Kein nett erzähltes Märchen, keine ordentlich illustrierte Geschichte, kein Kommentar zu historischen oder gar aktuellen Befindlichkeiten. Und es ist nicht einmal ein hehres Deklamieren des Textes.
Stattdessen huschen seltsame Gestalten über die von Alexander Lintl in der Ästhetik der 80-er Jahre entworfene Bühne, wo Sperrholz und Pappmaché regieren. Asiatisch angehauchte Krieger, die indische Rache-Göttin Kali und weiß gewandete Derwische, die direkt Sarastros Männerbund aus Mozarts „Zauberflöte“ entsprungen sein könnten.
Das klingt nach prallem, bunten, vielleicht in sich nicht ganz stimmigen Bühnen-Leben. Falsch! Denn alle Aktionen, Bewegungen und Regungen bleiben so hölzern wie die (auf sichtbaren Fäden herein gezogene) Schlange.
Das Publikum darf zwar hin und wieder lachen. Nur die Grenzen zwischen gewollter Parodie und unfreiwilliger, peinlicher Komik verschwimmen. Auch in punkto Tempo, Timing und Textbehandlung legt Christian Pade trotz einer (meist sinnlos) vor sich hin rauschenden Musik eine veritable Bruchlandung hin.
Träge folgt Szene auf Szene. Es wird gestikuliert und auf stilisierte Posen gesetzt. Die Darsteller stehen – wie auch Grillparzers Sprache – auf verlorenem Posten. Gertrud Drassl darf sich in der Doppelrolle der Mirza und der Gülnare oft umziehen und ist auf der Suche nach einem möglichen Tonfall.
Peter Scholz bleibt als Rustan auch im Wort stocksteif; Michael Dangl kämpft als Sklave Zanga gegen von der Regie tragisch eingesetzte Klischees vom „so bösen, schwarzen Mann“. Und sogar ein Darsteller wie Wolfgang Hübsch kann als König hier nur mit seiner Krone spielen. Alexander Strömer als braver Karkhan und Ronald Kuste (in Mehrfachrollen) wirken mit.
Bei seiner Zeitreise durch die österreichische Literatur aber ist die Josefstadt am vorläufigen Nullpunkt angekommen. Schade.
Peter Jarolin

Salzburger Nachrichten, 18. Oktober 2003
Sieg der Ausstatter
Schon wieder ein Flop für Direktor Gratzer: Das Theater in der Josefstadt in Wien zeigt Grillparzers „Der Traum ein Leben“ als verwirrende Bilderfolge.
Bild schlägt Text. Dieser Doktrin von Boulevardzeitungsmachern scheint die neue Direktion des Theaters in der Josefstadt zu folgen, denn auch die dritte Produktion der Saison, Grillparzers „Der Traum ein Leben“, in der Regie von Christian Pade, bleibt als Ausstattungsspektakel in Erinnerung. Leider nur als ein solches – und freilich nur wenn das Gedächtnis gnädig ist. Sonst müsste man sich noch lange ärgern über eine derart verfahrene und unausgeglichene Inszenierung.
Grillparzers Drama, 1834 uraufgeführt, verbindet Elemente von altwiener Volkstheater mit Motiven des damals modischen Exotismus und einer Traumwelt. Das Stück zeigt, wie sich der Rustan, Neffe des Landmanns Massud, zu einem Tyrannen entwickelt, dessen Gewalttätigkeit schließlich keine Schranken kennt.
Was die Zuschauer im Josefstadt-Theater zu sehen bekommen: Einen Schwarzen in Ketten – Modell Häuptling Abendwind – eine glitzernde Parodie auf einen Herrscher samt ebenso funkelnder Tochter sowie jede Menge weiße, tanzende Derwische, die sich bei Bedarf auch als indische Gottheiten mit vier Händen präsentieren. Dazwischen gibt es Paraden von gesichtslosen schwarzen Kriegern. Alexander Lintl hat diese Hommage an Hollywoods B-Pictures der Kostümschinkenära entworfen. Da hat man sich bald schon nach dem ersten Bild gründlich satt gesehen.
Die Regie des deutschen, an der Münchner Falckenberg-Schule ausgebildeten Regisseurs Christian Pade wirkt völlig unentschlossen. Etwas Psychoanalyse gefällig oder doch ein bisschen politische Weiterbildung? Der gewiss leichter les- als spielbare Text mit seiner Fülle an Themen prallt so am Publikum ab. Eine Linie wird nicht erkennbar.
Seine Schauspieler lässt Pade allein und ohne Führung auf den hohen Wogen der Dichtung kentern. Wolfgang Hübsch rettet sich in der Doppelrolle als König und reicher Herr Massud in Monotonie, Peter Scholz kann als Rustan keinen Charakter entwickeln. Gertrud Drassl als Mirza und Gülnare lässt zumindest in einigen Szenen durch etwas Witz aufhorchen. Einzig Michael Dangl kann als halbnackter weiser Wilder Zanga Profil gewinnen. Nicht uninteressant: der elektronische Soundteppich von Vlado Dzihan. Das Premierenpublikum konnte sich gerade noch zu einem höflichen Applaus aufraffen.
Helmut Schneider

Die Presse, 18. Oktober 2003
Opernhafter Grillparzer ohne Musik
Franz Grillparzers „Traum ein Leben“ im Theater in der Josefstadt: Klassikerpflege, edel und langweilig.
Armer Grillparzer. Die Nachwelt tut sich schwer mit ihm. Wer Aufführungen seiner Stücke in den letzten Jahrzehnten Revue passieren lässt, wird sich nur an wenige überzeugende Begegnungen erinnern: Peter Steins Salzburger „Libussa“, ebenfalls in Salzburg „Die Jüdin von Toledo“ (Regie: Thomas Langhoff), Martin Kusejs Version von „Weh dem, der lügt“ (Burg), im Volkstheater kam Grillparzer gut, auch in der Gruppe 80.
In der Josefstadt versuchte der deutsche Regisseur Christian Pade, wie es Mode ist, Grillparzers dramatisches Märchen – 1834 bei der Uraufführung im Burgtheater ein großer Erfolg – in einen privaten Rahmen zu stellen, das Träumerische betonend.
Zauderer Rustan rafft sich auf, in die Welt zu ziehen. Doch in der Nacht vor seiner Abreise sucht ihn ein Alptraum heim und treibt ihm seine Flucht-Gelüste aus.
Verzwickt ist die Sprache: im spanischen Drama beliebte vierhebige Trochäen. Von Calderons „Leben ein Traum“ ließ sich Grillparzer inspirieren. Die Josefstädter Schauspieler deklamieren so brav und flüssig wie das wohl heute nicht einmal mehr Vorzugsschüler zustande brächten. Wirkung will sich kaum einstellen. Nicht einmal, wenn der Ton kräftig hoch gedreht wird.
Ausgetobt hat sich auch Alexander Lintl beim Bühnenbild und bei den Kostümen, die stilisierte Natur – insbesondere die skurrile Schlange – erinnert von fern an Pop Art. Schöne warme Farben, leuchtendes Gelb, verschiedene Rottöne schmeicheln dem Auge. Man trägt reich verzierte Turbane, Glitter-Flitter, Dolche, mit Juwelen besetzt, Landmann Massud erscheint im Pelz, als König trägt er schwer an einem mit Gold durchwirkten Mantel und einer blitzenden Krone. Alles Strass, alles Talmi, alles Dekor.
Diesem opernhaften Grillparzer-Stück fehlt der Gesang kostbarer Stimmen, lebendigen Spiels. Peter Scholz als Rustan: grüblerisch. Michael Dangl als Zanga in besonders spektakulärer Aufmachung: heftig, aber etwas hohl und unangebracht salon-ironisch. Wolfgang Hübsch als Massud und als König: sonor orgelnd. Gertrud Drassl als Mirza und als Gülnare: leidend, später bissig. Ronald Kuste als Derwisch, Mann vom Felsen, alter Kaleb und altes Weib: brauchbar, auch dank der wechselnden bizarren Kostümierung. Insgesamt ist es erstaunlich zu sehen, wie Schauspieler, die man über Jahre hinweg in anderen Inszenierungen so effektvoll ihre Gaben entfalten sah, plötzlich über weite Strecken recht leblos wirken.
Ein Hauch von „Zauberflöte“ schwebt über dem Ganzen, aber auch da geht Mozart ab. Dem psychedelischen Trip, der im Zusammenhang mit dieser Aufführung avisiert war, fehlt das surreale Schweben. Drogen waren da sicher keine im Spiel, höchstens ein paar Aspirin gegen die Kopfschmerzen beim Auswendig-Lernen.
Grillparzer verpackte seine Sorge um die von divergierenden Interessen zerrissene, vom Metternich-System eisern nieder gehaltene Donaumonarchie in viel kostbaren Märchenstoff. Die politischen Anspielungen, Mahnungen sind dennoch unüberhörbar. In der orientalischen Grottenbahn, die hier gezeigt wird, verpuffen sie. Anfangs denkt man noch, es gehe hier irgendwie um die Spannungen zwischen der christlichen und der islamischen Welt heute. Doch mit der Zeit wird dem Zuschauer klar, auch das dient nur der Optik, der Exotik.
Über Grillparzers Botschaft bei diesem Stück lässt sich lang diskutieren. Auf jeden Fall fügte er raffiniert psychische Befindlichkeiten zusammen mit einer Beschreibung der politischen Lage seiner Zeit.
Das Werk ist schwer zu inszenieren, keine Frage, man begreift es beim Lesen. Aber es so anzupacken, heißt, es sich zu leicht zu machen. Pade stopfte Grillparzers Text in eine konsequente, aber auch hermetische und sterile Komposition. Wohl aus mangelnder Erfahrung mit dieser Art Dichtkunst und in dem nachvollziehbaren Wunsch, die Sache „auf die Reihe zu kriegen“.
Just so aber ist Grillparzer schwer beizukommen, vielmehr werden seine Charaktere auf jene Stelzen zurückbefördert, von denen sie andere Regisseure – mit wechselndem Erfolg – herunter geholt haben. Mag Grillparzers Message auch vieldeutig sein, die Message dieser Aufführung ist klar.
Das Josefstädter Publikum kriegt, wonach es sich nach Ansicht der Direktion sehnt: Eine Klassiker-Pflichtübung in luxuriöser Hülle, Diner-Theater – vorher geht man essen, nachher trinkt man ein Glaserl und zwischendurch hat man was für die Bildung getan. Trotzdem sah man lange Gesichter. Es ist halt nicht gut, wenn man das Publikum für beschränkter hält, als es ist.
Barbara Petsch

Veranstaltungshinweis

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